Analyse des Rennens von Patrick Lange bei der Challenge Roth

Es ist Donnerstag, der 19. August. Die ersten Nachrichten flattern herein und es scheint in diesem Jahr doch noch einmal anders zu kommen als erwartet: Der Ironman auf Hawaii wird verschoben und findet nicht wie ursprünglich geplant am 09. Oktober statt. Der Triathlon-Rennkalender steht damit zum wiederholten Male Kopf.

Die Nachricht der Verschiebung erreichte HYCYS-Coach Björn Geesmann aufgrund des enormen Anstiegs der COVID-19-Infektionen auf Big Islands zwar nicht komplett überraschend, mit einer alternativlosen Verschiebung wurde aber nicht mehr gerechnet. Ein Plan B für Triathlon-Profi und IRONMAN-Weltmeister Patrick Lange, der seit zwei Jahren von Björn trainiert wird, muss her. Aufgrund sehr guter Trainingsleistungen aus den letzten Wochen sowie der phänomenalen Stimmung ist die Entscheidung schnell gefallen: Statt Kailua-Kona heißt der nächste Rennort Roth!

Hintergrundinformationen zur Vorbereitung von Patrick Lange in der Woche vor der DATEV Challenge Roth, sowie weitere Einblicke in das Renngeschehen findet ihr in der neuen Junkmiles-Folge #33 hier. Ergänzend zum Podcast haben wir das Rennen von Patrick für euch einmal analysiert.

Patrick Lange bei der DATEV Challenge Roth

Konkurrenz im Blick behalten und eigene Stärken ausspielen

Bei einer Langdistanz gibt es zahlreiche Rennszenarien, die es für den Wettkampftag durchdacht werden können. Der Einfluss der Streckenführung, die Konkurrenz mit samt ihrer Tagesform, die eigene Verfassung, die äußeren Umstände und weitere zahlreiche unbestimmbare Faktoren wie Defekte oder ähnliches, machen das Renngeschehen komplex. Als Marschroute gab es für Patrick und Coach Björn für den vergangenen Sonntag zwei Prämissen: Die Konkurrenz im Blick behalten und gleichzeitig auf die eigenen Stärken berufen.

Für das Schwimmen gab es zwei Ziele, die Patrick zur Aufgabe hatte: Die erste Gruppe halten und mit dieser aus dem Wasser kommen, oder – sofern Ziel eins nicht erreicht werden kann – schnellstmöglich auf dem zunächst winkeligen und technischen Kurs Richtung Eckersmühlen auf die erste Gruppe auffahren.

Nach 47:28 Minuten verließ Patrick gemeinsam mit der ersten Gruppe um die Mitfavoriten Braden Currie, Nils Frommhold, Peter Heemeryck und Nick Kastelein den Main-Donau-Kanal und machte sich auf die 167 Kilometer lange Radstrecke durch den Landkreis Roth.

Das Schwimmen der Challenge Roth mit Patrick Lange

Proaktiv fahren und das Renngeschehen unter Kontrolle halten

Bis auf Andi Dreitz, der nach einem starken Schwimmen schnell auf die Gruppe auffuhr, und Sebastian Kienle befanden sich alle Favoriten auf den Tagessieg in der ersten Gruppe. Gleichzeitig kamen in dieser Gruppe aber sehr unterschiedliche Interessen zusammen: Für die Athleten mit ausgewiesener Radstärke wie Andi Dreitz oder Ruben Zepuntke konnte es nicht das Anliegen sein, die schnellen Läufer um Nick Kastelein und Patrick Lange bis in die zweite Wechselzone zu begleiten.

Patrick bekam von seinem Coach die Devise, dass Rennen auf dem Rad dadurch unter Kontrolle zu halten, dass in der Gruppe proaktiv gefahren wird. Dazu eine kleine Erklärung: Bei einer Windschatten-Regelung von 12 Metern Abstand entsteht für die Gruppe immer noch ein gewisser Vorteil durch das Fahren hinter den Mitstreitern. Gleichzeitig bietet das „Gruppefahren“ aber auch die Gefahr, dass man sich nach dem Tempodiktat der Anderen richten muss oder sogar mögliche Attacken verpasst, weil man sich weiter hinten in der Gruppe aufhält.

Wie schon beim Sieg beim IRONMAN in Tulsa war es also das Ziel, dass Patrick proaktiv in der Gruppe fährt, immer achtsam bleibt und keine Attacke verpasst. Einzige Ausnahme: Es war damit zu rechnen, dass Ruben Zepuntke als ehemaliger Radprofi das Rennen auf dem Rad in die Hand nimmt und versucht Luft zwischen sich und die Mitstreiter zu bringen. Für dieses Szenario war es der Plan, geduldig in der Gruppe zu bleiben und nicht zu früh Attacken mitzugehen. Zepuntke nahm circa bei Kilometer 50 das Herz in die Hand und konnte am Ende einen Vorsprung von rund drei Minuten rausfahren, der aber von Kilometer 120 an nicht anwuchs, sodass es keinen Grund dafür gab, Ruben mit aller Macht einzuholen.

Radfahren bei der DATEV Challenge Roth mit Patrick Lange

Radrennen in Roth

Der Radsplit bei der DATEV Challenge Roth wurde mit viel Schwung gefahren, wie auch die Daten des Rennens zeigen:

Für Patrick ergab sich eine durchschnittliche Leistung von 251 Watt. Bei einem Körpergewicht von 63 Kilogramm entspricht das einer relativen Leistung von durchschnittlichen 4 Watt pro Kilogramm Körpergewicht (W/kg). Relativiert man diesen Wert auf seine Leistungsfähigkeit, fährt er den Split (durchschnittlich) bei etwa 75% seiner anaeroben Schwelle.

Die große Herausforderung und sicherlich auch der Unterschied zum Altersklassen-Feld liegt allerdings darin, dass der Radsplit einer Langdistanz ungleichmäßig und eher wie eine Art Radrennen gefahren wird. Durch die Gruppendynamik, die Profilierung der Strecke und das aktive Fahren der Athleten, ergibt sich eine Rennen, bei dem – wie sich anhand der Leistungsaufzeichnung erkennen lässt – gewisse Intensitäten gefahren werden müssen. Das wird unter anderem dann deutlich, wenn man sich die normalized power von 268 W und demnach eher 4,25 W/kg vergegenwärtig.

Datenanalyse DATEV Challenge Roth von Patrick Lange

Attacke in Greding

Ein besonderes Augenmerk haben Patrick und Björn in den Tagen vor dem Rennen auf den Anstieg in Greding, der bei circa Kilometer 36 (Runde 1) und 115 (Runde 2) anstand, gelegt. Dieser Anstieg ist zu Beginn steil und zieht sich im weiteren Verlauf mit circa 5-6 % Steigung relativ lang.

Zum Zeitpunkt des Anstiegs in Greding auf der zweiten Runde, war die Gruppe um Patrick, Peter Heemeryck, Nils Frommhold und Andi Dreitz noch geschlossen zusammen. Nur Ruben Zepunkte war nach vorne rausgefahren und hatte zu diesem Zeitpunkt etwa drei Minuten zwischen sich und die Gruppe gebracht. In das Renngeschehen nicht mehr eingreifen konnten zu dem Zeitpunkt der starke Läufer Nick Kastelein und Sebastian Kienle, die etwas abgeschlagen zurück lagen.

Patrick wusste aus den Vorbesprechungen des Rennens, dass ihm dieser Anstieg liegen wird. Die Devise von Coach Björn war die die alte Radsport-Weisheit: „Wenn du dich hier gut fühlst, kannst du attackieren. Wie sehr das auch immer weh tun wird – an diesem Stück tut es den Anderen eher noch mehr weh“.

Gesagt, getan: Zu Beginn des Anstiegs fuhr Patrick über knapp eine Minute durchschnittliche ~430 Watt und konnte sich so an die Spitze der Gruppe setzen. Auf den ersten zwei Kilometern des Anstiegs, die knapp fünf Minuten in Anspruch nahmen, standen durchschnittliche 330 Watt auf dem Garmin, sodass Patrick die Gruppe auseinanderfahren konnte. Nils Frommhold, der am vergangenen Sonntag ein hervorragendes Rennen abliefern konnte und sich mit dem zweiten Platz belohnte, konnte Patrick folgen und gemeinsam mit ihm in Richtung der zweiten Wechselzone fahren.

Datenanalyse DATEV Challenge Roth von Patrick Lange

Der abschließende Marathon die Frage nach dem Rekord

In der T2 angekommen, war es zunächst wichtig, dass Patrick ins Laufen findet und – bei den sehr warmen und aktuell eher ungewohnten Temperaturen – Rhythmus bekommt. Nachdem beim Collins Cup eine Woche vor der DATEV Challenge Roth die Verpflegungsstrategie für Magen- und Darm-Probleme sorgte, lag zudem ein Hauptaugenmerk zunächst einmal darauf, an den Verpflegungszonen die „special needs“ vom Coach anzunehmen und sich mit Flüssigkeit und Kohlenhydraten zu versorgen.

Patrick konnte sich recht zügig an die Spitze des Rennens setzen und den Abstand zunehmend ausbauen. Als dieser nach circa 15 Kilometern schon ein recht ordentliches Polster angenommen hatte, begannen bei Björn die ersten Rechenspiele: Vor dem Rennen sprachen die beiden über den aktuellen Rekord im Marathon auf der Langstrecke. Diesen stellte Denis Chevrot beim IRONMAN Tulsa in 2:36:02 h auf, während Patrick im gleichen Rennen eine 2:36:45 h lief.

Nach dem Halbmarathon stand eine 1:16:45 h zu Buche, der Rekord wäre also durchaus in Reichweite gewesen. Allerdings – und da waren sich Coach und Athlet nach dem Rennen einig – war das Radfahren so intensiv, das Wetter zudem so warm und die Verpflegungsstrategie in der Vorwoche noch so unsicher, dass beide es (unausgesprochen) für sinnvoller erachteten, den Rekord nicht in Angriff zu nehmen.

Ausschlaggebend dafür waren vor allem auch zwei Faktoren: Der große Respekt vor der Marathon-Distanz, bei der der „Mann mit dem Hammer“ auch noch kurz vor Schluss kommen kann; sowie der große Respekt vor den starken Mitstreitern wie Nils Frommhold an diesem Tag, der ein sehr stabiles Rennen gezeigt hat.

Roth als Saisonabschluss?

Nach 2:38:29 h und einer Gesamtzeit von 7:19:19 h erreichte Patrick das Stadion in Roth und konnte sich bereits bei seiner Premiere im Frankenland zum Sieger küren. Alles in allem war die DATEV Challenge Roth der garantiert würdigste Plan B, den man haben kann, wenn die Weltmeisterschaften auf Hawaii verschoben werden. Ob auf dieses Rennen noch ein weiteres folgt? Warten wir es ab!

Ein großer Dank geht an dieser Stelle an das Team der DATEV Challenge Roth um Felix Walchshöfer sowie allen Volunteers und Supportern an der Strecke. Herzlichen Glückwunsch allen Finishern!

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