Kristian Blummenfelt und Gustav Iden zum BikeFitting bei HYCYS

IRONMAN Hawaii 2026: Wie schmal der Grat sein kann

To the finish line

12. Oktober 2026

Kona kennt keine Sicherheit.
Nur einen schmalen Grat.

Ein Kommentar von Björn Geesmann

Rund einen Kilometer vor dem Ziel führte Titelverteidigerin Solveig Løvseth die IRONMAN-Weltmeisterschaft auf Hawaii 2026 an. Dann brach sie zusammen und kam als Achte ins Ziel.

Magnus Ditlev hatte das Rennen der Männer über Stunden angeführt, knapp zehn Kilometer vor dem Ziel war es für ihn vorbei. Von außen wirkt das dramatisch. Überraschend war es für mich nicht.

Auf diesem Niveau gewinnt nur, wer bereit ist, ein Risiko einzugehen.

Ein kalkuliertes Risiko

Wer selbst versucht hat, Höchstleistungen herbeizuführen – als Sportler oder als Coach –, weiß: Ein Einbruch ist manchmal der Preis für genau dieses Risiko. Schon im vergangenen Jahr gab es bei den Frauen dramatische Szenen. Und viele Einbrüche bekommt man im Livestream gar nicht mit.

Wie schmal der Grat ist, zeigt die neue Weltmeisterin Taylor Knibb. Vor einem Jahr saß sie zwei Meilen vor dem Ziel am Straßenrand, während Løvseth an ihr vorbeilief. In diesem Jahr kämpfte sie im Marathon ebenfalls, musste sich übergeben, verlor Boden – und lief am Ende an der eingebrochenen Løvseth vorbei zum Titel. Dieselben zwei Sportlerinnen, dieselbe Strecke, vertauschte Rollen.

Dass man dieses Risiko eingehen muss, liegt an der Leistungsdichte. Sie ist in den vergangenen fünf bis zehn Jahren enorm gestiegen, in den letzten fünf Jahren noch einmal besonders stark. Der Zehnte der Männer kam am Samstag nur gut elf Minuten nach dem Sieger ins Ziel – nach fast acht Stunden Renndauer.

Die Sportler sind heute besser und vor allem ganzheitlicher trainiert. Die Zeiten, in denen man in einer Disziplin nur mäßig gut sein konnte und trotzdem um den Sieg mitlief, sind vorbei. Wer in Kona etwas erreichen will, muss alle Möglichkeiten ausloten: Leistungsdiagnostik, Trainingssteuerung, Ernährung, Hitzeakklimatisation, Material und Sitzposition. Am Wettkampftag muss dann alles zusammenkommen. Genau an diesen Stellschrauben arbeiten wir mit einigen der Profis, die am Samstag am Start standen – dazu am Ende mehr.

Mit angezogener Handbremse und einer konservativen Strategie auf Sicherheit zu setzen, reicht auf diesem Niveau nicht mehr. Dann zieht das Rennen an dir vorbei. Man bewegt sich bewusst auf einem schmalen Grat. Das kann zum Sieg führen – oder dazu, dass man ein Rennen nicht zu Ende bringt oder kurz vor dem Ziel einbricht.

Zwei Gegner, die sich nur bedingt ausrechnen lassen

In Kona kämpfst du im Wesentlichen gegen zwei Faktoren: deinen Energie- und Flüssigkeitshaushalt und deine Körpertemperatur.

Die Energie. Die Profis nehmen im Rennen große Mengen an Kohlenhydraten auf und planen ihre Flüssigkeitsversorgung minutiös. Trotzdem reicht selbst eine perfekte Strategie nicht immer aus. Denn wie viele Kohlenhydrate jemand unter Belastung, bei Hitze und mit zunehmender Ermüdung tatsächlich verbrennt, wissen vermutlich nur wenige genau. Und der Verbrauch steigt mit der Intensität nicht linear, sondern überproportional.

Die Wärme. Die Lufttemperatur ist in Kona gar nicht das große Problem (zur JUNKMILES-Episode). 25 oder 26 Grad am Morgen sind keine außergewöhnlichen Werte, und beim IRONMAN Frankfurt war es in diesem Sommer vermutlich acht bis zehn Grad heißer. Trotzdem gab es dort nicht annähernd so viele dramatische Szenen. Der Unterschied ist die Luftfeuchte. Dein Körper kühlt sich vor allem über das Verdunsten von Schweiß. Je schwüler es ist, desto weniger Feuchtigkeit kann die Luft aufnehmen und desto schlechter funktioniert diese Kühlung. Bei trockener Hitze kannst du dich mit Wasser abkühlen und darauf setzen, dass es verdunstet. Bei feuchtwarmer Luft klappt das deutlich schlechter, und in diesem Jahr kam in Kona noch Regen dazu. Wird die Wärme nicht mehr abgegeben, staut sie sich, und die Kerntemperatur steigt. Was dabei physiologisch passiert, habe ich im Beitrag IRONMAN Hawaii: Warum Kona nach eigenen Regeln läuft ausführlich beschrieben.

Beide Faktoren hängen zusammen. Mehr Tempo bedeutet mehr Kohlenhydratverbrauch und mehr Wärme zugleich. Deshalb wird Kona immer etwas Besonderes bleiben.

Der Körper ist keine Maschine

Bei einer Maschine könnte man ausrechnen, wie viel Energie für die letzten eineinhalb Kilometer noch nötig ist. Ist genug im Tank, läuft sie bis ins Ziel.

Beim Menschen ist das komplizierter. Das Gehirn spielt eine zentrale Rolle bei der Steuerung des Körpers. Möglicherweise signalisiert es, dass sich die Glykogenspeicher zu schnell ihrem Ende nähern, und fährt die Leistung deshalb herunter. Oder die Kerntemperatur steigt so weit, dass ein Schutzmechanismus greift: Dann wird die Gesundheit wichtiger als die sportliche Leistung. Und plötzlich geht nichts mehr.

Was genau bei Solveig oder Magnus Ditlev den Ausschlag gegeben hat, weiß man von außen nicht. Ich halte mich deshalb mit Diagnosen zurück. Das Muster aber kenne ich: Ein Einbruch kurz vor dem Ziel ist selten ein plötzliches Ereignis. Meist ist er das Ende einer Rechnung, die schon Stunden vorher begonnen hat.

Wie man den Grat breiter macht

Je leistungsfähiger du bist, desto geringer ist die relative Intensität, die du für ein bestimmtes Tempo brauchst – auf Hawaii etwa, um in der Spitzengruppe mitzufahren. Weniger relative Intensität heißt weniger Kohlenhydratverbrauch und weniger Wärme. Leistungsfähigkeit ist also nicht nur ein Mittel, um schneller zu sein. Sie ist auch dein Puffer.

Der zweite Hebel ist Wissen. Die Sportwissenschaft wird uns dabei immer weiterhelfen. Wie viele Kohlenhydrate ein Körper bei Renntempo tatsächlich verbrennt, muss heute keine Schätzung mehr sein – es gibt Methoden, mit denen sich das messen lässt. So können wir immer mehr offene Fragen rund um die Ermüdung beantworten, und die Unsicherheiten werden kleiner. Ganz verschwinden werden sie nicht.

Und was heißt das für dich?

Du startest vermutlich nicht um einen WM-Titel. Die Physiologie ist trotzdem dieselbe. Und die Frage, wie viel Risiko du eingehst, stellt sich bei jeder Langdistanz, jedem Marathon und jedem Radmarathon.

Das Argument „Ich fahre doch gar nicht am Limit“ höre ich oft. Doch das Limit ist relativ. Es hängt an deiner Leistungsfähigkeit, nicht an deiner Platzierung. Und wer elf oder zwölf Stunden unterwegs ist, braucht insgesamt mehr Energie und läuft seinen Marathon häufig in der größten Hitze des Tages.

Genauso verbreitet ist das Gegenteil: „Dann fahre ich eben defensiv.“ Auch das ist eine Entscheidung mit Kosten. Wer aus Unsicherheit zu vorsichtig angeht, verschenkt Potential.

Mein Rat ist deshalb weniger spektakulär, als es die Bilder aus Kona vermuten lassen:

  • Kenne deine Zahlen. Schwellen, Kohlenhydratverbrauch bei Renntempo, Flüssigkeitsbedarf. Was du nicht kennst, kannst du nicht planen.
  • Plane deine Verpflegung nach deinem Verbrauch – nicht nach der Empfehlung auf der Packung und nicht nach dem, was ein Profi isst. Und teste sie im Training, auch in der Wärme.
  • Entscheide vor dem Rennen, wie viel Risiko dein Ziel braucht. Ein Quali-Slot erfordert eine andere Strategie als ein sicheres Finish. Diese Entscheidung gehört in die Vorbereitung, nicht an Kilometer 30.
  • Steuere dein Tempo über mehrere Signale. Steigt die Herzfrequenz bei gleicher Leistung über die Stunden spürbar an, gibt die Wärmebilanz nach.

 

Der Grat hat zwei Seiten. Das Ziel ist nicht, ihn zu meiden, sondern zu wissen, wo er für dich verläuft.

IRONMAN Hawaii 2026 aus unserer Sicht: die Arbeit an den Details

Gustav Iden wurde beim IRONMAN auf Hawaii 2026 Zweiter und ist IRONMAN Weltmeister

Wenn die Leistungsdichte so hoch ist, dass Minuten über Podium oder Mittelfeld entscheiden, reicht es nicht, gut zu trainieren. Dann muss jede Stellschraube sitzen – von der Trainingssteuerung über die Rennplanung bis zur Sitzposition auf dem Rad. Genau dabei unterstützen wir einige der Sportler, die am Samstag in Kona am Start standen: damit sie in diesem Feld vorn mithalten können und am Renntag nichts verschenken.

Mit Gustav Iden, Kristian Blummenfelt und Solveig Løvseth arbeiten wir seit diesem Jahr an Sitzposition und Aerodynamik – in unserem Kölner Institut und auf der Bahn im Velodrom in Büttgen. Lisa Perterer und Jan Stratmann coache ich, Kat Matthews habe ich bis 2024 gecoacht.

Im BikeFitting und AeroFitting geht es darum, auf dem Rad möglichst wenig Energie zu verschenken. Wer bei gleichem Tempo weniger Luftwiderstand erzeugt, fährt mit geringerer relativer Intensität, verbraucht weniger Kohlenhydrate und nimmt weniger Wärme mit in den Marathon. Im Coaching führen wir alle Bereiche zusammen, die es für Bedingungen wie auf Hawaii braucht: von der Leistungsfähigkeit über die Sitzposition, die Ernährungs- und Flüssigkeitsstrategie und das Pacing bis zur unmittelbaren Wettkampfvorbereitung mit Hitzeakklimatisation und dem Umgang mit dem Jetlag.

Am Ende standen für die Sportler, mit denen wir aktuell arbeiten, ein zweiter, ein sechster und zwei achte Plätze, für Kat ein vierter – und ein Renntag, an dem wir mitgefiebert haben wie selten.

Sitzposition und Aerodynamik: Energie sparen, bevor der Marathon beginnt

Auf dem Queen K sind die Profis rund vier Stunden auf dem Rad unterwegs, oft mit kräftigem Seitenwind. Der größte Teil ihrer Leistung geht dort gegen den Luftwiderstand. Die schnellste Position ist dabei nicht automatisch die beste: Sie muss über Stunden haltbar bleiben und den Sportler so vom Rad steigen lassen, dass er noch laufen kann. Aerodynamik ist hier also kein Detail für Materialfans, sondern ein Teil der Rennstrategie.

An diesen Fragen arbeiten wir seit diesem Jahr mit Gustav Iden, Kristian Blummenfelt und Solveig Løvseth – im BikeFitting und AeroFitting, in unserem Kölner Institut und auf der Bahn im Velodrom in Büttgen, wo sich Positionen unter realen Bedingungen vergleichen lassen.

Gustav wurde Zweiter. Trotz einer Zeitstrafe auf dem Rad lief er den schnellsten Marathon des Tages und kam bis auf 1:35 Minuten an Vincent Luis heran. Mit diesem Ergebnis gewann er die Gesamtwertung der IRONMAN Pro Series. Einen Sportler zu sehen, der nach vier Stunden auf dem Rad noch den schnellsten Marathon im Feld läuft, ist genau das, worauf diese Arbeit am Ende zielt.

Kristian kam als Achter ins Ziel, in einem Rennen, in dem mehrere Favoriten die Hitze deutlich zu spüren bekamen.

Solveig führte das Rennen bis kurz vor dem Ziel an. Dass sie nach ihrem Einbruch noch ins Ziel ging, als Achte und als Gesamtzweite der Pro Series, sagt viel über sie. Und ihr Rennen zeigt besser als jede Theorie, wie schmal der Grat ist, über den ich hier schreibe.

 

Coaching: alles zusammenführen, was Hawaii verlangt

Wie diese Bereiche zusammenkommen, zeigt sich vor allem in den Wochen vor dem Rennen: Wann reist man an, wie baut man den Jetlag ab, bevor die entscheidenden Tage beginnen, und wie viel Zeit braucht der Körper, um sich an Hitze und Luftfeuchte anzupassen. Auf Hawaii entscheidet nicht ein einzelner Baustein, sondern ob alle zusammenpassen.

Lisa Perterer belegte Platz sechs. Lisa coache ich seit diesem Jahr. Ein Top-Ten-Platz bei der Weltmeisterschaft auf Hawaii in unserer ersten gemeinsamen Saison – darüber freue ich mich sehr.

Jan Stratmann (zum Athletenprofil) coache ich ebenfalls. Er kam als 15. ins Ziel, in einem Männerfeld, in dem zwischen Platz zehn und Platz 15 gerade einmal gut acht Minuten lagen. Deutlicher lässt sich die Leistungsdichte kaum zeigen.

Weitere Wegbegleiter

Auch Sportler, die wir früher begleitet haben, standen am Samstag am Start. Kat Matthews (zum Athletenprofil) wurde Vierte, mit dem zweitschnellsten Marathon der Frauen. Von 2021 bis 2024 habe ich Kat gecoacht, in dieser Zeit wurde sie bei HYCYS in allen Bereichen betreut – vom Training über das BikeFitting bis zur Diagnostik. Dass sie in Kona im Marathon noch Plätze gutmachte, während andere einbrachen, ist für mich das Gegenbild zu den Szenen vom Anfang.

Patrick Lange (zum Athletenprofil), den ich von 2019 bis 2024 gecoacht habe, bestritt in Kona sein letztes Rennen auf Hawaii. Für ihn endete der Tag ebenso vorzeitig wie für Sam Laidlow, den wir seit 2023 im BikeFitting begleiten.

Was das mit dir zu tun hat

Die Werkzeuge, mit denen wir diese Profis unterstützen, sind keine Sonderanfertigungen für die Weltspitze. Eine Sitzposition, die auf langen Strecken Luftwiderstand spart und haltbar bleibt. Eine Leistungsdiagnostik, die zeigt, wo deine Schwellen liegen und wie viele Kohlenhydrate du bei Renntempo verbrennst. Ein Coaching, das all das zusammenführt – Training, Sitzposition, Verpflegung, Pacing und die Vorbereitung auf die Bedingungen deines Rennens. Genau daran arbeiten wir jeden Tag – mit Profis und mit Agegroupern.

Was bleibt

Die Einbrüche von Kona sind keine Geschichten vom Scheitern. Sie zeigen, wie schmal der Grat ist, auf dem Spitzenleistung heute entsteht. Abschaffen lässt er sich nicht. Aber man kann ihn breiter machen – mit Leistungsfähigkeit, mit Wissen über den eigenen Körper und mit einem Plan, der beides zusammenbringt.

Wenn du wissen willst, wo der Grat für dich verläuft: In unserem SUMMIT6 Triathlon-Coaching führt dein Coach alles zusammen, was dein Rennen braucht – von der Leistungsentwicklung über Sitzposition, Verpflegung und Pacing bis zur Vorbereitung auf Hitze und Anreise.

Beim IRONMAN auf Hawaii müssen die Athleten Schwimmen, Radfahren und Laufen

Dein Rennen beginnt mit einem Plan, der zu dir passt.

Mit SUMMIT6 verbinden wir individuelles Coaching mit Regeneration, Ernährung, mentaler Stärke und einer klaren Strategie für dein Rennen – von der Saisonplanung bis zum Matchplan für Pacing und Verpflegung.

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Über den Autor

Björn Geesmann

Björn Geesmann ist Sportwissenschaftler, Headcoach und Gründer von HYCYS. Seit über 15 Jahren arbeitet er im professionellen Ausdauersport und übersetzt wissenschaftliche Standards in individuelle Systeme für ambitionierte Triathleten, Radsportler und Läufer. Er hat einen M.Sc. in Exercise Science & Coaching (Deutsche Sporthochschule Köln), ist Trainer A Langdistanz (DTU) und ausgebildeter Sport-Mentalcoach. In den letzten Jahren hat er 7 verschiedene Athleten zu 14 IRONMAN Titeln und zahlreichen Vize-Weltmeisterschaften gecoacht. Als leitender Sportwissenschaftler begleitete er zudem ein Zweierteam, dessen Streckenrekord beim Race Across America über ein Jahrzehnt Bestand hatte.
Sein Ansatz: Höchstleistung entsteht, wenn ein System aus Training, Physiologie, Ernährung, Regeneration und Mentalem ineinandergreift – messbar, individualisiert und langfristig tragfähig.

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