Jan Frodeno, Patrick Lange und Anne Haug haben den IRONMAN auf Hawaii gewonnen

IRONMAN Hawaii: Warum Kona nach eigenen Regeln läuft

To the finish line

7. Oktober 2026

Warum Hawaii so hart ist.
Und was die Hitze damit macht.

Am 10. Oktober starten Frauen und Männer beim IRONMAN Hawaii erstmals seit 2019 wieder am selben Tag. In der Regel brauchen sie dort deutlich länger als auf der Strecke, auf der sie sich qualifiziert haben.

Auf dem Papier ist Kona eine Langdistanz wie jede andere. Gleiche Distanzen, gleiche Regeln, ein Feld aus Athleten, die alle schon bewiesen haben, dass sie eine Langdistanz schnell ins Ziel bringen.

Und trotzdem erleben viele dort das härteste Rennen ihrer Laufbahn.

Warum Kona anders ist

Die naheliegende Erklärung lautet: Es ist eben heiß. Ich halte dagegen, zumindest ein Stück weit: Die Hitze ist in Kona gar nicht das große Problem. Beim IRONMAN Frankfurt wurden in diesem Sommer um die vierzig Grad gemessen, und auch Lanzarote oder Texas sind heiße Rennen. Solche Lufttemperaturen erreicht Kailua-Kona am Renntag auf dem Papier selten.

Und trotzdem ist Kona anders. Ich war selbst mehrfach dort, und die ersten Tage vor Ort überraschen mich jedes Mal aufs Neue – auch nach einem heißen Sommer in Mitteleuropa, nach dem man sich eigentlich gut vorbereitet fühlt. Was Kona besonders macht, ist nicht die Temperatur der Luft. Es ist die Frage, ob dein Körper die Wärme, die er produziert, überhaupt noch loswird. Und die Strecke nimmt dir dafür Stück für Stück die Möglichkeiten.

Genau darum geht es in der Folge von JUNKMILES, die wir zur Kona-Woche aufgenommen haben: Hitze in Kona: Warum fünf Tage Akklimatisation nicht reichen. Dieser Beitrag fasst die Grundlagen aus der Folge zusammen und ergänzt sie um das, was die Strecke in Kona sportlich ausmacht. Am Anfang steht die Frage, wie dein Körper überhaupt Wärme loswird.

Wie dein Körper Wärme loswird

Dein Körper erzeugt ständig Wärme – in Ruhe rund hundert Watt, unter Wettkampfbelastung ein Vielfaches davon. Nur ein kleiner Teil der umgesetzten Energie landet als Vortrieb auf Pedal oder Straße, der Rest wird zu Wärme. Bleibt sie im Körper, steigt die Kerntemperatur. Für den Weg nach draußen gibt es vier Möglichkeiten.

Konvektion

Die Luft an deiner Haut erwärmt sich, steigt auf, kühlere Luft rückt nach. Fahrtwind verstärkt diesen Effekt erheblich.

Konduktion

Wärmeabgabe über direkten Kontakt mit etwas Kühlerem. An Land beim Sport meist vernachlässigbar – im Wasser dagegen der Hauptweg.

Strahlung

Dein Körper strahlt Wärme ab wie ein Heizkörper. In der Sonne und über heißem Untergrund nimmt er allerdings mehr auf, als er abgibt.

Verdunstung

Schweiß geht auf der Haut in den gasförmigen Zustand über. Dafür braucht er Energie, und die entzieht er deiner Haut.

Die ersten drei Wege funktionieren nur, solange die Umgebung kühler ist als deine Haut, und die liegt unter Belastung bei rund 35 Grad. Bei dreißig Grad Luft und voller Sonne schrumpft das Gefälle oder kehrt sich sogar um. Dann heizen Strahlung und warme Luft dich zusätzlich auf.

Übrig bleibt die Verdunstung. Sie ist der einzige Weg, der auch gegen ein Temperaturgefälle funktioniert. In Kona trägt sie praktisch die gesamte Wärmeabgabe.

Warum Luftfeuchte wichtiger ist als Lufttemperatur

Wie gut Verdunstung kühlt, hängt daran, wie viel Wasser die Luft noch aufnehmen kann. Du kennst das aus dem Freibad: Es sind dreißig Grad, du steigst aus dem Becken und frierst trotzdem. Nicht weil die Luft kalt wäre, sondern weil das Wasser auf deiner Haut verdunstet.

In der Folge zeige ich es noch einfacher: Hand anfeuchten, darüberpusten. Es wird spürbar kälter als auf trockener Haut. Genau das passiert beim Schwitzen – vorausgesetzt, die Luft kann die Feuchtigkeit aufnehmen.

Genau diesen Effekt misst die Kühlgrenztemperatur. Gemeint ist ein Thermometer, über dessen Fühler ein nasser Baumwollstrumpf gezogen ist. Bei trockener Luft verdunstet viel, und der Fühler kühlt deutlich unter die Lufttemperatur ab. Bei feuchter Luft kaum. Dein Körper macht nichts anderes als dieser Strumpf.

Um die Hitzebelastung für Menschen in einer Zahl zu beschreiben, nutzen Arbeitsmedizin und Sport die WBGT, kurz für Wet Bulb Globe Temperature. Sie ist keine Temperatur, auch wenn sie in Grad Celsius angegeben wird, sondern ein Index: eine gewichtete Rechengröße aus drei Messwerten.

WBGT = 0,7 × Kühlgrenztemperatur + 0,2 × Globetemperatur + 0,1 × Lufttemperatur

Die Globetemperatur stammt aus einer mattschwarzen Kugel, die sich in der Sonne aufheizt wie ein menschlicher Körper. Sie steht für die Strahlung. Die Lufttemperatur zählt nur zu einem Zehntel. Siebzig Prozent entfallen darauf, ob Schweiß verdunsten kann.

Eine grobe Beispielrechnung: Bei 31 Grad Luft und 80 Prozent Luftfeuchte liegt die Kühlgrenztemperatur bei rund 28 Grad. Über dunklem Lavagestein in praller Sonne erreicht die Globetemperatur leicht 45 Grad. Das ergibt einen WBGT-Wert von knapp 32 (0,7 × 28 + 0,2 × 45 + 0,1 × 31). Ein trockener Tag mit 38 Grad und 20 Prozent Luftfeuchte landet unter derselben Sonne bei rund 28.

Deshalb ist ein schwüler Tag bei dreißig Grad belastender als ein trockener bei achtunddreißig. Und deshalb ist Kona mit Frankfurt, Texas oder Lanzarote nur begrenzt vergleichbar: Legt man die Luftfeuchte nebeneinander, spielt Hawaii in einer eigenen Liga.

Was den IRONMAN Hawaii sportlich ausmacht

Das Schwimmen: ohne Neo in den Pazifik

Geschwommen wird in der Bucht von Kailua, im offenen Pazifik. Das Wasser hat in der Regel 26 bis 27 Grad – deutlich über der Grenze von 24,5 Grad, bis zu der Altersklassenathleten einen Neoprenanzug tragen dürfen. Erlaubt sind nur Schwimmanzüge ohne Auftrieb.

Sportlich hat das zwei Folgen. Zum einen fehlt der Auftrieb, der bei den meisten Langdistanzen die Wasserlage stabilisiert. Wer seine Schwimmleistung vor allem im Neo aufgebaut hat, verliert hier oft mehr Zeit als erwartet, und das Salzwasser gleicht davon nur einen Teil aus. Dazu kommen Dünung und Strömung, die das Orientieren und einen gleichmäßigen Rhythmus erschweren.

Zum anderen beginnt die Wärmebilanz schon im Wasser. Dort läuft die Wärmeabgabe über den direkten Kontakt, und die hängt am Temperaturgefälle. Zwischen deiner Haut und 27 Grad warmem Wasser ist es deutlich kleiner als in einem 20 Grad kühlen See. Du steigst also mit weniger thermischem Vorlauf aufs Rad.

 

Der Ironman auf Hawaii 2026 war das wichtigste Rennen im Triathlon

Das Radfahren: Queen K, Lava und Wind

Die Radstrecke führt über den Queen Kaʻahumanu Highway, kurz Queen K, nach Norden bis Hawi und zurück. Links und rechts schwarze Lavafelder, kaum Schatten, kaum Zuschauer. Der dunkle Untergrund heizt sich auf und strahlt Wärme zurück. Lavagestein speichert und strahlt so gut, dass man es sich als Wärmequelle ins Haus stellen könnte – zum Sporttreiben ist das weniger angenehm. Strahlung wirkt hier gegen dich, von oben und von unten.

Auf dem Rad hast du dafür einen Verbündeten: den Fahrtwind. Er verstärkt Konvektion und Verdunstung gleichermaßen, weil die feuchte Luft an deiner Haut ständig durch neue ersetzt wird. Deshalb fühlt sich das Radfahren in Kona oft erträglicher an, als es ist.

Genau darin liegt die Falle. Die Wärmebilanz auf dem Rad kann ausgeglichen wirken, während die Kerntemperatur langsam steigt. Und die Wärme, die du auf dem Rad aufbaust, nimmst du mit in den Marathon – wo du sie kaum noch loswirst.

Dazu kommt der Wind als sportlicher Faktor. Auf dem Weg nach Hawi wehen häufig kräftige, böige Seitenwinde, und der Anstieg in den Norden der Insel ist lang und offen. Auf dem Rückweg kann der Wind drehen. Wer stur nach Leistung fährt, ohne Böen und Hitze mitzudenken, verbraucht in diesen Abschnitten mehr, als der Plan vorsieht.

Ironman Hawaii und das Radfahren auf dem Queen K

Der Marathon: wo die Bilanz kippt

Der Marathon beginnt im Ort auf dem Aliʻi Drive entlang des Wassers, bevor es über die Palani Road hinauf auf den Queen K geht. Von dort führt die Strecke hinaus ins Energy Lab, ein Forschungsgelände an der Küste. Diesen Abschnitt erreichst du im letzten Drittel des Marathons, oft windstill und in der größten Hitze des Tages.

Physiologisch passiert beim Wechsel vom Rad auf die Laufstrecke etwas Entscheidendes: Der Fahrtwind fällt weg, und mit ihm der Verstärker für Konvektion und Verdunstung. Dein Körper produziert dabei weiterhin ähnlich viel Wärme.

Jetzt entscheidet fast allein die Verdunstung, und die Luft ist feucht. Hier kippt bei vielen die Bilanz. Wer auf dem Queen K einbricht, erlebt in der Regel keinen plötzlichen Einbruch, sondern das Ende einer Rechnung, die schon Stunden vorher begonnen hat.

Was sich in diesen Stunden physiologisch abspielt, haben wir in der Folge Muskelkrämpfe – warum du krampfst und andere nicht anhand von rund dreißig Jahren Daten aus dem Sanitätszelt in Kona besprochen. Auch dort zeigte sich das Renntempo als deutlich besserer Hinweis als die Elektrolytwerte.

Gelaufen wird beim IRONMAN auf Hawaii auf dem Ali'i Drive

Das Feld: hohe Leistungsdichte

Ein Aspekt, der oft übersehen wird. In Kona startest du zwischen Athleten, die sich alle qualifiziert haben. Die Leistungsdichte ist hoch, und das Tempo in den ersten Stunden liegt häufig über dem, was viele für sich allein wählen würden. Im Wasser und auf dem Rad wird mitgegangen, und das hat einen taktischen Grund: Die Gruppenbildung ist eines der wichtigsten Mittel im Rennen. Wer früh in der richtigen Gruppe landet, setzt sich von der Konkurrenz ab oder profitiert von Vorteilen wie dem Rest an Windschattenwirkung, der auch bei regelkonformem Abstand bleibt.

Bei den Profis kommt in diesem Jahr eine Neuerung dazu. Kona 2026 ist die erste Ausgabe mit 20 Metern Windschattenabstand statt bisher 12. Die Regel gilt seit März für alle Profirennen von IRONMAN, in den Altersklassen bleibt es bei 12 Metern. Gruppen auf dem Rad dürften damit einen Teil ihres Vorteils verlieren, und das kann die Renndynamik entscheidend verändern.

Unter normalen Bedingungen kostet ein zu hohes Anfangstempo vor allem energetischen Aufwand. Weil der Kohlenhydratverbrauch mit steigender Intensität exponentiell zunimmt, kann schon eine etwas höhere Leistung schnell einen deutlich größeren Teil der eingelagerten Kohlenhydrate kosten – des sogenannten Glykogens. In Kona lohnt auch hier der Blick über die reine Energetik hinaus: Ein hohes Anfangstempo erzeugt zusätzlich Wärme. Die summiert sich auf dem Rad auf und wird bis in den Marathon mitgenommen.

Die Anreise: Jetlag trifft Anpassung

Dazu kommt etwas, das Kona von jedem europäischen Hitzerennen unterscheidet. Zwischen Mitteleuropa und Hawaii liegen im Oktober zwölf Stunden Zeitverschiebung. Jetlag und Reisestress fallen genau in die Tage, in denen sich dein Körper an die Bedingungen anpassen soll. Und Big Island hat auf engem Raum mehrere Klimazonen – wo du wohnst und trainierst, bestimmt mit, woran du dich eigentlich anpasst.

Was die Forschung über Hitzeanpassung zeigt

Die gute Nachricht: Dein Körper kann sich an Hitze anpassen. Die weniger bekannte: Es dauert länger, als die meisten denken, und die Zeichen, an denen du die Anpassung erkennst, laufen der eigentlichen Anpassung voraus.

Eine Arbeitsgruppe der Vrije Universiteit Amsterdam um Timo van den Bogaard und den Thermophysiologen Hein Daanen hat untersucht, wie stark Hitzeakklimatisation die Belastungsgrenze tatsächlich verschiebt (van den Bogaard et al. 2025, Journal of Applied Physiology). Die Fragestellung stammt aus der Arbeitsmedizin: Eine internationale Arbeitsschutznorm gewährt akklimatisierten Menschen zwei bis drei Grad WBGT mehr, gestützt auf wenige ältere Vergleichsdaten. Die Studie hat das erstmals an denselben Personen vor und nach einer Akklimatisation geprüft.

 

Fünfzehn gesunde Erwachsene, keine Leistungssportler, absolvierten neun Tage Hitzetraining in einer Klimakammer bei 35 Grad und 65 Prozent Luftfeuchte. Jede Einheit begann mit dreißig Minuten lockerem Radfahren bei 1,75 Watt pro Kilogramm, bei 70 Kilogramm Körpergewicht also rund 123 Watt. Danach war nicht die Leistung vorgegeben, sondern die Körpertemperatur: Sechzig Minuten lang wurde die Kerntemperatur auf mindestens 38,5 Grad gehalten, die Teilnehmer passten ihre Leistung dafür selbst an. So bekam jeder denselben physiologischen Reiz, unabhängig von seiner Fitness. Dreizehn weitere Personen bildeten eine Kontrollgruppe ohne Hitze.

Getestet wurde mit einer Art Stufentest aus Luftfeuchte. Die Teilnehmer fuhren bei 38 Grad und immer derselben Leistung, während die Luftfeuchte alle fünf Minuten um drei Prozentpunkte stieg. Anfangs pendelt sich die Kerntemperatur auf einem Plateau ein, Wärmeproduktion und Wärmeabgabe halten sich die Waage. Irgendwann reicht die Verdunstung nicht mehr, und die Kurve bricht nach oben aus. Der WBGT-Wert in diesem Moment ist die kritische Grenze.

 

MessgrößeVorherNach 5 TagenNach 9 Tagen4–8 Tage nach dem Ende
Herzfrequenz unter Belastung125113106110
Schweißrate642 ml/h755 ml/h806 ml/h774 ml/h
Kerntemperatur in Ruhe37,2 °C36,8 °C36,8 °C36,9 °C
Anstieg der Kerntemperatur0,9 °C/h0,8 °C/h0,7 °C/h0,6 °C/h
Kritische WBGT-Grenze28,528,530,529,6

 

Aus der Tabelle lassen sich drei Stufen ablesen.

Die spürbaren Marker kommen zuerst. Nach fünf Tagen waren Herzfrequenz, Schweißrate und Ruhetemperatur bereits deutlich verändert. Die kritische Grenze lag zu diesem Zeitpunkt noch exakt auf dem Ausgangswert. Du fühlst dich also akklimatisiert, bevor du es bist.

Die Belastbarkeit braucht länger. Erst zwischen Tag fünf und neun verschob sich die Grenze um zwei Grad. Die Autoren erklären das mit der Qualität des Schweißes: Die Menge steigt schnell, aber abtropfender Schweiß kühlt nicht. Erst mit der Zeit werden die Drüsen empfindlicher, der Schweiß verteilt sich feiner, und ein größerer Anteil verdunstet tatsächlich.

Im Podcast bringe ich das auf einen Satz, den ich bewusst ohne Relativierung stehen lasse: Fünf Tage Anreise vor Kona sind zu spät.

Ein Teil der Anpassung kommt nach dem Aufhören. Wie schnell die Kerntemperatur ansteigt, veränderte sich während der neun Hitzetage statistisch nicht. Signifikant langsamer wurde der Anstieg erst vier bis acht Tage nach der letzten Hitzeeinheit, um rund ein Drittel. Das ist bemerkenswert, denn nach gängiger Lehrmeinung klingen Hitzeanpassungen nach dem Ende mit rund 2,5 Prozent pro Tag ab – eine Faustregel, die aus einer Metaanalyse desselben Letztautors stammt (Daanen, Racinais & Périard 2018, Sports Medicine). Die Autoren vermuten, dass die Restmüdigkeit aus neun Tagen Hitzearbeit die Anpassung so lange überlagert, bis sie abgebaut ist.

Zur Einordnung gehört, was die Arbeit nicht zeigt. Untersucht wurden keine Athleten, sondern gesunde Erwachsene bei moderater, konstanter Belastung. Es gab keinen Leistungsendpunkt, niemand ist schneller gefahren. Und der Knickpunkt der Kurve wurde von zwei Forschern visuell bestimmt, was eine gewisse Unsicherheit mitbringt. Die Übertragung auf eine Langdistanz ist deshalb eine Schlussfolgerung, keine Messung. Im Podcast gehe ich das Testverfahren Schritt für Schritt durch – vom trockenen Start bei sechs Prozent Luftfeuchte bis zu dem Moment, in dem die Kerntemperatur wegdriftet.

Warum dein Körper Zeit braucht

Hitzeanpassung ist ein gutes Beispiel für Homöostase, also das Bestreben des Körpers nach Gleichgewicht. Den Blutzucker hält er über eine gewisse Zeit sogar ohne Nahrung stabil, beim Natriumhaushalt regelt er selbst, wie viel er behält und wie viel er über Niere und Schweiß abgibt. Bei der Körpertemperatur funktioniert es nach demselben Prinzip. Dein Körper kann auch extreme äußere Bedingungen verkraften – er braucht nur die Gelegenheit, sich darauf einzustellen.

Was das für Kona bedeutet

Die akklimatisierte Grenze lag bei 30,5 Grad WBGT – bei moderater Intensität. Die Beispielrechnung für Kona landet bei knapp 32, und ein Langdistanz-Marathon läuft oberhalb der Intensität aus dem Experiment.

Akklimatisation verschiebt deine Grenze um rund zwei Grad. Kona liegt in vielen Jahren darüber. Du akklimatisierst dich nicht, um die Hitze auszuhalten – du akklimatisierst dich, um langsamer in sie hineinzulaufen.

Das ist keine Entwertung der Vorbereitung. Ein einfaches Rechenbeispiel: Du startest mit 37,0 Grad Kerntemperatur, und angenommen, bei 39,0 Grad wird es ernst. Bei einem Anstieg von 0,9 Grad pro Stunde bleiben dir gut zwei Stunden, bei 0,6 Grad über drei. Auf einer Langdistanz kann das den Unterschied machen, ob die Bilanz bei Kilometer 28 oder bei Kilometer 35 kippt. Akklimatisation schenkt dir Zeit, nicht unbegrenzte Toleranz.

Es erklärt aber auch, warum selbst bestens vorbereitete Profis auf dem Queen K einbrechen. Das ist in vielen Fällen kein Vorbereitungsfehler, sondern die Bilanz.

Und es erklärt, warum die Anreise in Kona so viel Gewicht hat.

Aus dem Profitriathlon

Im Profitriathlon beginnt Kona nicht mit dem Flug nach Big Island. Die Anreise liegt in der Regel mindestens zwölf Tage vor dem Rennen – und bestenfalls ist davor noch ein Trainingslager geschaltet, das gezielt auf die Bedingungen vorbereitet: auf die Zeitverschiebung, auf die Hitze und auf die Luftfeuchte.

Viele Athleten wählen dafür Orte wie Texas, Arizona, Colorado oder Maui. Je nach Ort liegt der Schwerpunkt anders. Arizona bringt trockene Hitze, Maui schon das hawaiianische Klima. Gemeinsam ist allen, dass sie den Sprung über die Zeitzonen aufteilen. Der Jetlag ist damit abgearbeitet, bevor die entscheidenden Tage beginnen, und die Zeit auf Big Island kann ganz der Anpassung an die Bedingungen vor Ort dienen.

Was du für dein Rennen in der Hitze ableiten kannst

Plane genug Zeit vor Ort ein. In der Studie verschob sich die Grenze erst nach neun Tagen, und dort kamen weder Jetlag noch Reisestress dazu. Was zwischen Tag fünf und neun passiert, ist offen – und für die Praxis weniger entscheidend, als es klingt, denn ab hier zählt deine individuelle Anpassung mehr als ein Mittelwert aus einer Studie. Eine beruhigende Nachricht steckt trotzdem drin: Die ruhigeren Tage direkt vor dem Rennen kosten dich die Anpassung nicht, in der Studie wurde ein Teil davon in dieser Phase sogar noch besser.

Nutze die Zeit zu Hause als Vorbereitung, nicht als Ersatz. Sauna, ein warmes Bad nach dem Training oder die Rolle ohne Ventilator in einem warmen Raum stoßen die Anpassung an, und die Literatur zeigt, dass das zuträglich sein kann. In den Studien mit sportlicher Belastung, die ich kenne, bleiben das aber Begleitmaßnahmen. Nichts in der Akklimatisation ist so wertvoll wie die Zeit unter den echten Bedingungen. Das gilt auch für Trainingslager in trockener Hitze: Wer in Spanien oder Arizona trainiert hat, hat hohe Lufttemperaturen erlebt, aber keine hohe Luftfeuchte.

Geh vor Ort in die Bedingungen, in denen du racen wirst. Schlafen im klimatisierten Zimmer ist völlig in Ordnung. Den Rest des Tages solltest du nicht zu viel Zeit in klimatisierten Räumen verbringen, und nach einer ersten Anpassungsphase gehört auch Training in der Mittagshitze dazu – denn dort läufst du am Renntag. Ob die Anpassung greift, zeigt dir am zuverlässigsten die Herzfrequenz bei gleicher Leistung: eine feste Einheit, etwa fünfundvierzig Minuten bei definierter Leistung oder Pace, und der Vergleich des Mittelwerts. Wichtig ist nur die Lesart. Eine niedrigere Herzfrequenz zeigt, dass der Prozess läuft, nicht, dass er abgeschlossen ist.

Steuere das Pacing auf dem Rad über mehrere Signale. In Kona reicht ein einzelner Wert selten aus, um das passende Tempo zu finden. Was zählt, ist das Zusammenspiel aus Leistung, Temperatur, Körpergefühl und Herzfrequenz. Die Leistung gibt dir den Rahmen vor. Steigt die Herzfrequenz bei gleichbleibender Leistung über die Stunden spürbar an, ist das ein Hinweis darauf, dass die Wärmebilanz nachgibt. Dein Körpergefühl ordnet ein, ob das noch zu deinem Rennplan passt. Wer einen Kerntemperatursensor nutzt, bekommt eine zusätzliche Orientierung: Findet die Kurve auf dem Rad kein Plateau, spricht das dafür, das Tempo anzupassen. Hautbasierte Sensoren schätzen die Kerntemperatur allerdings nur und eignen sich deshalb vor allem für den Vergleich mit dir selbst. Jedes dieser Signale hat seine Grenzen – zusammen ergeben sie ein deutlich klareres Bild als jedes für sich.

Nutze die Verpflegungsstellen zur Kühlung. Eis und kaltes Wasser nehmen über direkten Kontakt Wärme auf – Konduktion, der Weg, der an Land sonst kaum eine Rolle spielt. Entscheidend ist dabei die Kälte, nicht die Menge. Und weil die Schweißrate mit der Akklimatisation steigt, steigt auch dein Flüssigkeitsbedarf. Mehr Schweiß ist ein Fortschritt, solange du entsprechend nachtrinkst.

 

Kona-Vorbereitung im SUMMIT6 Triathlon-Coaching

Was im Profitriathlon selbstverständlich ist, nimmt auch in unserem SUMMIT6 Triathlon-Coaching einen großen Teil ein. Das beginnt bei einer Saisonplanung, die auf eine mögliche Qualifikation für Kona ausgerichtet ist, und bei der Leistungsfähigkeit, die du brauchst, um in die Nähe der Quali zu kommen und in Kona topfit dein Bestes abzurufen. Es geht weiter mit der Strategie für Anreise und Vorbereitung – inklusive der Maßnahmen, die du schon zu Hause umsetzen kannst – und mit dem Umgang mit Jetlag und Klima vor Ort. Und es endet bei einem Matchplan für das Rennen selbst, von der Verpflegung über das Pacing bis zur Kühlung.

Beim IRONMAN auf Hawaii müssen die Athleten Schwimmen, Radfahren und Laufen

Und wenn du nicht in Kona startest?

Dann gilt das meiste trotzdem. Jedes Rennen in feuchter Hitze folgt derselben Physik – eine Mitteldistanz im Süden, ein Stadtmarathon im Spätsommer oder ein Radmarathon im Hochsommer. Für Läufer ist die Lage sogar ähnlich wie im Kona-Marathon, weil die geringe Geschwindigkeit kaum Fahrtwind erzeugt. Radfahrer profitieren vom Fahrtwind, verlieren ihn aber an langen Anstiegen, wo das Tempo sinkt und die Wärme sich staut.

Und wenn du nicht so lange vor Ort sein kannst: Dann lohnt die Vorbereitung zu Hause umso mehr. Hitzeexposition lässt sich in vielen Fällen an bestehende Einheiten anhängen, etwa als Saunagang nach dem Training. Wichtig ist nur, sie als Belastung einzuplanen. Die Studie zeigt, dass Hitzearbeit ermüdet – und dass ein Teil ihres Nutzens erst sichtbar wird, wenn diese Müdigkeit abgebaut ist. Die Grundregel bleibt dieselbe: Findet dein nächstes Rennen unter anderen klimatischen Bedingungen statt als dein Training, plane die Anpassung genauso ein wie dein Tapering.

Was den IRONMAN Hawaii wirklich besonders macht

Kona ist nicht deshalb besonders, weil es heiß ist, sondern weil die Hitze dort mit hoher Luftfeuchte und starker Strahlung zusammenkommt. Das Rennen nimmt dir die Kühlwege nacheinander: Im Wasser fehlt das Gefälle, auf dem Rad strahlt die Lava, im Marathon fehlt der Fahrtwind, und die feuchte Luft bremst den einen Weg, der dir dann noch bleibt.

Akklimatisation ändert an dieser Physik nichts Grundsätzliches. Sie verschafft dir Zeit. Und auf einer Langdistanz ist Zeit genau das, was am Ende den Unterschied macht.

Wenn du tiefer einsteigen willst: In der Folge Hitze in Kona: Warum fünf Tage Akklimatisation nicht reichen geht es um die Studie im Detail – mit dem Testverfahren, den klassischen Anpassungsmechanismen und der Frage, was das für deine eigene Anreise bedeutet.

Und wenn du dein nächstes Rennen in der Hitze mit einem klaren Plan angehen willst: Im SUMMIT6 Triathlon-Coaching ordnet dein Coach ein, was davon für dich und dein Rennen gilt.

Dein nächstes Rennen in der Hitze beginnt mit einem Plan.

Mit SUMMIT6 verbinden wir individuelles Coaching mit Regeneration, Ernährung, mentaler Stärke und einer klaren Strategie für dein Rennen – von der Saisonplanung bis zum Matchplan für Pacing, Verpflegung und Kühlung.

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Über den Autor

Björn Geesmann

Björn Geesmann ist Sportwissenschaftler, Headcoach und Gründer von HYCYS. Seit über 15 Jahren arbeitet er im professionellen Ausdauersport und übersetzt wissenschaftliche Standards in individuelle Systeme für ambitionierte Triathleten, Radsportler und Läufer. Er hat einen M.Sc. in Exercise Science & Coaching (Deutsche Sporthochschule Köln), ist Trainer A Langdistanz (DTU) und ausgebildeter Sport-Mentalcoach. In den letzten Jahren hat er 7 verschiedene Athleten zu 14 IRONMAN Titeln und zahlreichen Vize-Weltmeisterschaften gecoacht. Als leitender Sportwissenschaftler begleitete er zudem ein Zweierteam, dessen Streckenrekord beim Race Across America über ein Jahrzehnt Bestand hatte.
Sein Ansatz: Höchstleistung entsteht, wenn ein System aus Training, Physiologie, Ernährung, Regeneration und Mentalem ineinandergreift – messbar, individualisiert und langfristig tragfähig.

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